2018-03-05 11:18

Alte Oele – Schadau, retour

thun

Wer in ein Taxi steigt, will von A nach B gelangen. Nicht so am Sonntag am Literaturfestival Literaare: Der Weg war das Ziel der Taxifahrten. Junge Autorinnen lasen, während die Zuhörer lauschten.

<b>Eingepfercht auf der Taxirückbank</b> las Autorin Desirée Scheidegger eine ihrer Geschichten vor. Links: Reporterin Flavia von Gunten.

Eingepfercht auf der Taxirückbank las Autorin Desirée Scheidegger eine ihrer Geschichten vor. Links: Reporterin Flavia von Gunten.

(Bild: Christoph Gerber)

  • Flavia von Gunten

Lesen und Autofahren: Ein Paar, das Übelkeit und Schwindel hervorbringt und dessen Beziehung darum zum Scheitern verurteilt ist. Kurven und Buchstaben vertragen sich einfach nicht.

Das Literaturfestival Literaare gab sich mit dieser Annahme nicht zufrieden, schraubte an der Gleichung und prüfte folgendes Gefüge: Taxi mit Chauffeur statt Privatauto, und die Augen gucken der vorbeiziehenden Landschaft nach, statt die Buchstaben in den Kopf zu leiten, denn diese Aufgabe übernehmen für einmal die Ohren.

Doch der Reihe nach. Bewegung lautete das Thema der 13. Ausgabe des Thuner Literaturfestivals Literaare. Getreu dem Motto lasen die Autorinnen und Autoren nicht nur auf der starren Bühne der Alten Oele, sondern stellten ihre Geschichten und Gedichte unterwegs vor.

So im «Literaturexpress», einem dazu reservierten Abteil im Zug, der von Bern über das Gürbetal nach Thun fuhr. Oder eben: im Taxi. 20 Minuten Sightseeing durch Thun, untermalt von den Worten einer jungen Autorin oder eines jungen Autors.

Es ist eng auf der Rückbank

Zum Beispiel den Worten von ­Desirée Scheidegger. 28-jährig, brachte letztes Jahr ihr erstes Buch heraus: «Aaregeflüster – Fliessende Geschichten». Wer einen der drei Zuhörerplätze im Taxi ergatterte und sich freute, wie Buchtitel, Festivalmotto und Fahrzeug harmonierten – Bewegung! –, dessen Assoziationsdynamik bremste die Autorin sofort.

Ging fahrend auf Lesetour: Desirée Scheidegger (28). Bild: Christoph Gerber

Nicht aus dem Buch las sie vor, sondern einen neuen Text. Bevor Scheidegger auch nur dessen Titel nennen konnte, startete der Taxifahrer den Motor und steuerte von der Alten Oele aus in Richtung Bälliz. Kurz vor dem Maulbeerkreisel nannte die Autorin, eingepfercht auf der Rückbank zwischen zwei Zuhörerinnen, mit lauter und fester Stimme den Titel: #nofilter.

Vorbei am Bahnhof, rote Ampel, darum Stopp vor dem Schloss Schadau. «Er klemmt die Antworten unter den Arm, um nicht zu stolpern.» Weiter entlang der Hauptstrasse, Kreisel, wenden. «Sie ist zu beschäftigt, beliebt zu sein, in einer Welt, die auch sie nicht versteht. Dazu gehören und sich dennoch von der Masse abheben.» Auf der gleichen Route retour. «Haben Träume eigentlich auch Träume?»

Schauen oder hören?

Lesen und Autofahren: Ein Paar, dessen Beziehung zum Scheitern verurteilt ist. Nicht aber, wenn es sich unter dem Deckmantel Taxilesung vereint. Übel wurde es niemandem und schwindlig höchstens ob des Überangebots an Reizen: Die Aufmerksamkeit dem zugefrorenen Lachenkanal und den schneebedeckten Bergen schenken oder doch lieber den vollen Fokus auf die Geschichte richten?

Vielleicht eine Mischung ansteuern, mit der Erkenntnis, dass Multitasking nicht funktioniert. Zum Glück gab es bei der Alten Oele einen Büchertisch. So konnte man die gehörten oder eben überhörten Texte auf Papier gedruckt kaufen, um sie an einem ruhigen Ort zu geniessen, ohne Ablenkung. Im Auto aber auf eigene Gefahr!