2019-05-09 13:48

«Ein Peitschenknaller nutzt sich ab»

Wacker Thun bestreitet am Donnerstag Spiel 4 in der Playoff-Halbfinal-Serie gegen Pfadi Winterthur. Coach Martin Rubin erklärt im Interview, weshalb seine Akteure über ihre Einsatzzeiten bestimmen.

«Ich kann sehr wohl laut werden», sagt Martin Rubin.

«Ich kann sehr wohl laut werden», sagt Martin Rubin.

(Bild: Raphael Moser)

  • Adrian Horn

    Adrian Horn

Verraten Sie uns, Herr Rubin: Wie macht man aus talentierten Spielern Spitzenkräfte?
Wir sind hier in Thun optimal aufgestellt, was das angeht. Jene Spieler, welche die U-19 verlassen, können sich in der Nationalliga B bei Steffisburg oder in unserer 2. Mannschaft in der 1. Liga entwickeln. Die Talentiertesten von ihnen trainieren zwei-, dreimal pro Woche mit uns mit, sodass sie uns und unsere Philosophie kennen lernen – und dann bereit sind, wenn wir auf sie zurückgreifen.

Aber wie kriegen Sie es hin, dass neue, bis dahin unbekannte Spieler oft nach kürzester Zeit in der Lage sind, Partien zu entscheiden?
Wir vertrauen diesen jungen Leuten, geben ihnen zu verstehen, dass wir sie brauchen, dass wir auf sie zählen. Wir übertragen ihnen Verantwortung und lassen sie dann auch wirklich spielen – und zwar nicht nur im Rahmen von Kurzeinsätzen, wie das bei der Konkurrenz vielleicht der Fall wäre.

Setzen die anderen Schweizer Clubs demnach zu wenig auf Kräfte aus dem Nachwuchs?
Das weiss ich nicht, ich kenne ja deren Gegebenheiten nicht. Aber wie konsequent wir auf die eigenen Leute setzen: Das ist in dieser Liga wohl einmalig.

Ist es in Thun für einen jungen Spieler womöglich leichter, sich in der Mannschaft zurechtzufinden?
Unser Vorstand verliert nicht gleich die Nerven, wenn es mal nicht läuft, die Sponsoren und die Zuschauer vertrauen uns: Unter diesen Umständen ist es für einen jungen Mann tatsächlich einfacher, Fuss zu fassen. Er weiss: Er darf Fehler machen.

Fehler machte Ihre Mannschaft zu Beginn des Jahres viele: Sie verlor da fünfmal in Folge.
Das war eine schwierige Zeit, eine Situation, die wir so nicht kannten. Und natürlich beschäftigt dich dies als Coach. Es gab öfter schlaflose Nächte. Du beginnst, Dinge zu hinterfragen. Ich überlegte, ob es klug war, meinen Vertrag noch mal verlängert zu haben.

Sie hatten sich im Winter für 2 weitere Saisons verpflichtet.
Ja. Und wenn es dann nicht so läuft, denkst du, dass es vielleicht doch besser wäre, wenn die Mannschaft mal einen anderen Gring vor sich hätte. Ich bin ja schon eine Ewigkeit hier (Rubin ist seit Sommer 2007 im Amt; die Redaktion). Nun bin ich natürlich sehr froh, dass sich das Ganze so entwickelt hat.

Dass Ihre Art unverändert funktioniert – das hat eine Menge damit zu tun, wie Sie Ihr Amt interpretieren: einverstanden?
Ich denke schon. Ein Peitschenknaller nutzt sich ab. Ich hatte als Spieler Trainer, die einen ständig zusammenstauchten. Dieser Stil mag für eine gewisse Zeit der richtige sein. Aber wenn ein Handballer 30 ist, wehrt er sich, sagt: Hey, ich bin erwachsen.

Als Sie von solchen Coachs trainiert wurden: War das der Moment, als Sie entschieden, dass Sie es anders machen werden?
Nein. Ich bin einfach so. Den Peitschenknaller könnte ich maximal einen Monat lang spielen. Auf Dauer würde das nicht hinhauen. Die Spieler nähmen mir das kaum ab. Ich kann sehr wohl laut werden. Aber wenn ich schreie, wissen meine Leute: Okay, jetzt ist selbst der Rubin unruhig – da muss was schiefgelaufen sein.

Sie sagten einst, Sie behaupteten nicht, ein guter Trainer zu sein.
Meine Art scheint hier zu funktionieren. Ob sie das auch woanders täte, weiss ich nicht. Es gibt Bereiche, in denen ich wohl einiges richtig mache. In anderen habe ich ein riesiges Steigerungspotenzial. Darum ist es zentral, dass ich einen Co-Trainer habe, der mich ergänzt und da gut ist, wo ich Schwächen habe.

Ist der Assistent bei Wacker wichtiger als anderswo?
Ja. Das sind auch keine klassischen Assistenten – das sind Co-Trainer. Wir bewegen uns auf Augenhöhe. In anderen Mannschaften steckt der Assistent Hütchen aus, und wenn er mal Überziehleibchen verteilen darf, ist das das Höchste der Gefühle. Hier darf und soll man sich einbringen.

Auch Ihren Akteuren übertragen Sie Verantwortung. Es gab Saisons, da entschieden die Keeper untereinander, wer wie lange im Tor steht.
Es ist noch immer und bei allen Spielern so, dass sie über die Dauer ihrer Einsatzzeit weitestgehend bestimmen.

Sie scherzen!
Nein. Wir wollen mit viel Tempo spielen. Dafür braucht es sechs respektive sieben fitte Handballer auf dem Feld. Der Spieler registriert es vor mir, wenn er nicht mehr 100 Prozent Energie hat. Also soll er sich auswechseln lassen. Aber natürlich bringe ich mich ein; natürlich interveniere ich, wenn ich sehe, dass es nicht klappt.

Wie gehen Ihre Leute mit so viel Verantwortung um?
Das war teilweise ein Prozess: Es braucht gewissermassen Mumm, sich einzugestehen, dass man nicht mehr uneingeschränkt performen kann. Ich halte das für eine Qualität. Meine Spieler mögen Verantwortung; das sind Persönlichkeiten. Der Trainertyp Diktator umgibt sich eher mit Leuten, die nicht widersprechen, bloss umsetzen. Bei uns soll jeder mitdenken. Den Spielzug sagt hier im Normalfall der Regisseur an, nicht der Coach.

Berner Zeitung