2019-09-27 15:14

So erlebte das Pfeffer-Team die 10er-Jahre

Fünf junge Autorinnen und Autoren blicken zurück auf ihre Zeit als Teenager. Was hat sie beschäftigt und bewegt?

Schicksalsschläge und Engagement. Und jetzt?

Die erste Freundin, das Er­langen des Fahrausweises, der Auszug in die erste eigene Wohnung – was brachten die 10er-Jahre nicht alles mit sich! Sie waren aber turbulent. Ich war damals mitten in der Pubertät. Da ging es drunter und drüber. Viele Erlebnisse und Erfahrungen haben mich bis heute geprägt.

Die 10er-Jahre fingen für mich mit Schicksalsschlägen an: Ich verlor innert zwei Jahren meine Grosseltern. Mein Grossvater erlag einem Schlaganfall, und meine Grossmutter starb an Nierenversagen. Für mich als Teenager ging damals eine Welt unter.

Ich hatte sie nicht regelmässig sehen können, da sie in Kosovo gelebt hatten. Meinen Onkel, der mir sehr nahe stand, verlor ich vor zwei Jahren auch ganz plötzlich: Bei einer Bluttransfusion gab es Komplikationen, und er starb.

Meine Mutter traf es besonders hart, schliesslich war es ihr grosser Bruder. Diese Schicksalsschläge lehrten mich, den Moment zu geniessen und nicht in der Vergangenheit rumzuwühlen.

Während meiner Mittelschulzeit suchte ich in der Folge stets nach sinnvollen Aktivitäten für mich. Deswegen wollte ich mich immer und überall en­gagieren.

Die 10er-Jahre waren geprägt von politischen Er­eignissen – vom Arabischen Frühling über die Flüchtlingskrise bis hin zur #MeToo-Debatte und zur aktuellen Klimapolitik – mein Interesse an Politik steigerte sich mehr und mehr.

Es gefiel mir daraufhin, Politdiskussionen zu besuchen, mit Gleichgesinnten zu reden und mich politisch zu engagieren. Ich habe dadurch eine zusätzliche Freizeitaktivität gefunden, die ich heute gewiss nicht mehr missen möchte.

Wenn die nächste Dekade auf uns zukommt, werde ich in meinen 30ern sein. Da werden natürlich andere Themen eine Rolle spielen. Beruf? Heirat? Familie? Wer weiss – ich geniesse jetzt erst mal den Moment und lasse die ereignis- und lehrreichen 10er-Jahre für mich ausklingen.

Arbër Shala (25) wohnt in Thun, studiert an der BFH und mag Fussball, Unihockey, Salsa, Sprachen und Bildende Kunst. agr_shala@hotmail.com

Liebesbriefli, Jobauswahl und Autofahren

Am liebsten würde ich ihr sanft auf den Kopf tätscheln, sie darauf gefasst machen, dass noch viel grösserer Mist auf sie zukommt und ihr gleichzeitig auch Mut machen, dass alles nur halb so schlimm ist, wie es scheint.

Sie ist meine Schülerin und grad genau so alt, wie ich es selber vor zehn Jahren war. Immer wieder gibt es solche Situationen wie diese, wo X für Y ein Liebesbriefli geschrieben hat, wo drinsteht, dass X Y eigentlich no so cool findet, das Briefli dann in falsche Hände gelangt und der ganzen Klasse vorgelesen wird.

Meine kleinen Schäfli, für die dann verständlicherweise die Welt zusammenbricht, erinnern mich tag­täglich an mich selber und an meine letzten zehn Jahre. An die Primarschulzeit, wo ich sowohl X auch als Y war und davon ausging, dass mein Herz nie wieder ganz werden können würde.

An die Oberstufenzeit, wo ich bereits mit 14 Jahren hätte wissen sollen, was ich mal werden möchte, und mit der Anzahl Möglichkeiten masslos überfordert war.

An das Aufkommen von neuen Technologien – und ent­sprechend das Ende meines geliebten MSN – und daran, dass ich oberhammermässig cool war mit meinem iPhone 3G, welches noch nicht einmal eine Selfie-Kamera hatte.

An das Gymnasium und kurz darauf meinen 18. Geburtstag, den ich kaum erwarten konnte und wonach ich gleich mit dem Autofahren angefangen habe. An mein Zwischenjahr, meine ersten Einblicke in die Arbeitswelt und schliesslich mein Studium.

Und nun stehe ich da, zehn Jahre älter, reifer und weiter als meine Schäflein und wünsche mir für sie und ihre nächsten zehn Jahre genauso viel Freude am Alltag und an kleinen Dingen; Misserfolge, an denen sie wachsen können, und Erfolge, die sie motivieren; Menschen, die gebrochene Herzen reparieren, und Freunde, die sie begleiten und dann bei einem gemeinsamen Essen mit «Weisch no…» wunderbare Erinnerungen aufblühen lassen!

Céline Egger (23) ist Lehrerin. Ihre Hobbys sind Schreiben, Fotografieren, kreatives Arbeiten und Zeitverbringen mit Freunden. celineetter@bluewin.ch

Oldies but Goldies

«Danca Kudurooo» singe ich lauthals am Küchentisch vor dem Compi. Ich, 11 Jahre alt, habe gerade Karaoke auf einem meiner Surftrips im Internet entdeckt. Nun wird von Rihannas «Diamonds» bis hin zu J-Lo’s «On the Floor» jeder Song zum Besten gegeben. Ach, die 10er.

Sie sollten ein Jahrzehnt der Entwicklung werden. Doch nicht nur die Technik und die Musik erlebten exponentiellen Aufschwung. Auch ich musste verheerenden Veränderungen ins Auge blicken.

Meine Welt drehte manchmal rückwärts, mein Körper stand kopf, und Hormonfluten begannen, meine mehr oder weniger stabilen Gefühlshäuser zu zerstören. Nicht selten fühlte ich mich wie ein «Wrecking Ball», und man lehrte mich: «Love Yourself», schliesslich war ich «Born This Way».

Mit diesen neuen und bekanntlich länger anhaltenden physischen Begebenheiten hatte ich eine drei Jahre lange Oberstufenzeit und darauf eine ebenso lange Gymerzeit zu überstehen. «Thinking Out Loud» war nicht immer erwünscht, und manchmal bevorzugte ich das Schweigen, um ein allfälliges «What Do You Mean?» zu umgehen.

Das hinderte mich aber nicht daran, mich in den Tiefen meiner Gedanken zu verlieren und Sterne zu zählen. Doch je mehr man sich selbst und die Welt zu verstehen versuchte, desto mehr Fragen tauchten auf.

«Just Give Me a Reason!» – «Hab ich nicht, Sorry.» Auf der Suche nach Antworten machen wir Entdeckungen und Erfahrungen, die «All Of Me» weiser und stärker machen, ich meine, «What Doesn’t Kill You Makes You Stronger».

Nun beginnt mit meinem Studium ein neuer Lebensabschnitt und ein neues Jahrzehnt «Blank Space». Nach der Entwicklung freue ich mich nun auf die Ausführung. Aber «Despacito».

Lara Siegenthaler (18) studiert Französisch & Geografie. Hobbys sind Singen, Klavier, Natur, Kochen und Freunde. lara.paris@icloud.com

Ich durfte vielen grossartigen Menschen begegnen

Vor zehn Jahren stand ich noch mitten in meiner obligatorischen Schulzeit. Genauer gesagt, startete ich in die 6. Klasse, und mir war bewusst, dass in wenigen Monaten ein wichtiger Entscheid bevorstand.

Ich rede vom Übertrittsentscheid in die 7. Klasse, bei welchem entschieden wird, in welches Schulniveau (Real, Sek, Spez.-Sek) ich eingestuft werde. Damals hatte ich noch Freude an der Mathematik und konnte mir Zeit nehmen, meine NMM-Bücher nach meinem Gusto zu gestalten und zu bemalen.

Heute, zehn Jahre später, stehe ich mit beiden Füssen im Berufsleben, sitze vor meinen beiden Bildschirmen und erledige meine letzten Pendenzen für diese Woche, bevor ich mich ins wohlverdiente Wochenende stürze.

Auf die letzten Jahre blicke ich sowohl mit einem weinenden als auch mit einem lachenden Auge zurück. In meinem Leben, meiner Familie und meinem Freundeskreis hat sich viel getan.

Mit meinem Gymi-Abschluss sowie der verkürzten KV-Lehre konnte ich bereits zwei Ausbildungen abschliessen und mir eine gute Basis für meine Zukunft legen. Auf diesem Weg durfte ich vielen grossartigen Menschen begegnen, sie kennen lernen und in mein Leben integrieren.

Seit 2010 durfte ich viele unterschiedliche Ortschaften und Länder bereisen und einen kleinen Teil der Welt entdecken. Besonders geblieben ist mir die fünfwöchige Reise durch Kanada.

Imposant fand ich den markanten Unterschied zwischen dem Grossstadtleben und dem Leben auf dem Land, wo Flora und Fauna das Geschehen bestimmen und eine einzige Strasse Hunderte Kilometer durchs Land führt, ohne ein Anzeichen von Zivilisation zu sehen.

Eindrücklich war ebenfalls die Reise durch Bosnien und Herzegowina. Noch vor 20 Jahren wütete hier der Krieg, und man wurde sich bewusst, welch unbesorgtes Leben wir in der Schweiz führen können.

Nun, zum Frühjahrsbeginn 2020 steht die Rekrutenschule vor der Tür. Ich habe bereits viele Feedbacks erhalten, jedoch versuche ich mit einer neutralen Einstellung die militärische Ausbildung zu starten, um mir mein ganz eigenes Bild zu machen.

Ryan Koller (21) ist Marketing-Assistent. Er spielt Fussball und Tennis, fährt Ski oder Töff, kocht und backt. ryankoller98@gmail.com

Getrieben vom sicheren Gefühl, dass noch Grosses kommen mag

Die 10er-Jahre umfassten in meinen Fall so ziemlich meine gesamte Pubertät. Folglich muss ich nicht weiter erläutern, wie seltsam und peinlich diese Zeit rückblickend scheint. Es gibt ja auch triftige Gründe, weshalb jeder beschämt die Mundwinkel verzieht, der ein Foto vom 13-jährigen Ich zu Gesicht bekommt.

In den letzten zehn Jahren war ich schwer damit beschäftigt, mich selbst zu finden. Wen wollte ich in dieser Welt darstellen? Meine Vorstellung davon wechselte so ziemlich im Halbjahrestakt, meistens liess ich mich von meinem aktuellen Umfeld leiten.

Skaten ist cool? Na gut, dann bin ich jetzt ein Skater-Girl (eher ungeschickt, aber der Gedanke zählt). Und jedes Mal, wenn ich dachte, meine «wahre Identität» gefunden zu haben, fand ich plötzlich etwas Neues viel besser. Retrospektiv betrachtet sehe ich auch ein, wie amüsant es doch ist, dass man als 14-Jährige denkt, die ganze Welt verstehen zu können.

Denn wenn ich eins gelernt habe in diesen 10er-Jahren, dann wohl, dass ich eigentlich keine Ahnung von gar nichts habe. Die Definition des Erwachsenwerdens ist für mich, dass man denkt, man wisse über etwas Bescheid, aber dann kommt doch alles anders, und schon fühlt man sich wieder belehrt wie ein Schulkind.

Alle Erwachsenen werden jetzt wohl schmunzeln und sagen, dass sich das ein Leben lang nicht ändert. Man lernt ja schliesslich nie aus. Jaja, ich weiss schon. Aber als Kind hatte ich immer so ein Selbstvertrauen in das, was ich tat und was ich wusste, auch wenn es nicht immer stimmte.

Das ist eigentlich das Schöne am Kindsein: Man verschwendet keine Gedanken daran, ob das, was man gerade tut, klug oder doof ist. Man tut es einfach. Die 10er-Jahre waren für mich nervenaufreibend, lehrreich, manchmal etwas melodramatisch – aber immer getrieben vom sicheren Gefühl, dass noch Grosses kommen mag.

Simone Sommer (22) aus Thun studiert Jura an der Uni Bern. In ihrer Freizeit tanzt und liest sie, liebt Sport und die Natur. srm.sommer@gmail.com