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Corona-Krise spitzt sich zuIst Fauci nicht zufrieden, hat Amerika ein Problem

In den USA wütet das Coronavirus nun in Bundesstaaten, denen es mit Lockerungen gar nicht schnell genug gehen konnte. Den Staaten drohen bis zu 100’000 Neuinfektionen pro Tag.

«Wir gehen in die falsche Richtung»: Immunologe Anthony Fauci bei einer Anhörung im Senat.
«Wir gehen in die falsche Richtung»: Immunologe Anthony Fauci bei einer Anhörung im Senat.
Foto: Keystone

Der wichtigste amerikanische Corona-Experte spricht, als wären seine Stimmbänder mit feinem Schmirgelpapier angeraut worden. In einem Hörspiel könnte der 79 Jahre alte Immunologe Anthony Fauci einen Mafiapaten geben, der in grösster Ruhe die furchtbarsten Dinge befiehlt. Mit dieser eindringlichen Stimme also sagte Fauci am Dienstag in einer Senatsanhörung in Washington: «Ich bin nicht zufrieden damit, was passiert. Wir gehen in die falsche Richtung.»

Wenn Fauci nicht zufrieden ist, hat Amerika ein Problem. In diesem Fall ist er unzufrieden, weil sich die Corona-Krise im Land denkbar schlecht entwickelt. Die Zahlen steigen dramatisch, derzeit gibt es in den USA rund 40’000 neue Fälle pro Tag, mehr denn je. Die Kurve der Neuinfektionen zeigt deutlich nach oben. Fauci sagte, es würde ihn nicht überraschen, wenn sich diese Zahl bald mehr als verdoppelte. Er hält 100’000 neue Infektionen pro Tag für möglich.

In den USA sind bisher rund 2,6 Millionen Infektionen und 126’000 Todesfälle erfasst worden. «Wir müssen wirklich etwas tun», sagte Fauci. «Und wir müssen es schnell tun.»

Die Hälfte der neuen Corona-Fälle tritt in vier Staaten auf – Arizona, Florida, Kalifornien und Texas.

In Anbetracht der Zahlen sehen das fast alle Senatoren, Gouverneure und Bürgermeister so. Lediglich der republikanische Senator Rand Paul liess es sich erneut nicht nehmen, Fauci zu attackieren. Er macht das so seit Beginn der Krise. Wieder und wieder wirft er dem Immunologen vor, sich zur letzten Autorität in Sachen Virus aufzuspielen. Und wieder und wieder, so auch am Dienstag, antwortete Fauci geduldig. Er gebe lediglich nach bestem Wissen Auskunft darüber, was er über das Virus wisse, sagte der Immunologe.

Dass das Coronavirus in den USA alles andere als unter Kontrolle ist, dürfte viel damit zu tun haben, dass zu viele Verantwortliche ignorierten, was Fauci riet. Betroffen sind jetzt besonders Staaten, die die Restriktionen früh und umfassend gelockert hatten. Die Hälfte der neuen Fälle tritt in vier Staaten auf – Arizona, Florida, Kalifornien und Texas.

Drei dieser Staaten – Arizona, Florida und Texas – werden von republikanischen Gouverneuren geführt, die auf Drängen von Präsident Donald Trump hin früh weitreichende Lockerungen verfügt hatten, sprich: Bars und Restaurants öffneten, ebenso Schwimmbäder, Strände, Tattoo-Studios, Friseure. Jetzt rudern die Gouverneure zurück.

Besonders Arizona hatte sich für eine rasche Lockerung der Corona-Beschränkungen entschieden. Bereits am 15. Mai hatte Gouverneur Doug Ducey erlaubt, dass Restaurants und Bars wieder öffnen, und zwar nicht in Phasen, wie in anderen Staaten, sondern von jetzt auf gleich.

Nun sagt er: «Wir können uns nicht vormachen, dass dieses Virus von allein verschwinden wird.» Ducey hat am Montag angeordnet, dass Bars und Restaurants wieder schliessen, ebenso Kinos, Nachtclubs, Schwimmbäder, zunächst für 30 Tage. Zudem hat er Versammlungen von mehr als 50 Menschen untersagt. Das ist eine radikale Kehrtwende, die zum Vorbild für viele andere Bundesstaaten werden könnte.

Ein Ende der Pandemie ist nicht in Sicht: Erschöpfte Krankenpflegerin in einem Spital in Houston, Texas.
Ein Ende der Pandemie ist nicht in Sicht: Erschöpfte Krankenpflegerin in einem Spital in Houston, Texas.
Foto: Getty Images

In Miami im Bundesstaat Florida hat Bürgermeister Francis Suarez eine Maskenpflicht in der Öffentlichkeit angeordnet. Er setzt sich dafür ein, dass diese Regel im ganzen Staat gilt. Allerdings ist das Maskentragen weiterhin umstritten. Kein Tag vergeht, an dem nicht in den sozialen Medien Videos von Menschen auftauchen, die Angestellte im Supermarkt anbrüllen, weil diese sie bitten, eine Maske zu tragen. Das hat auch damit zu tun, dass im gespaltenen Amerika selbst das Maskentragen politisiert ist. Nicht wenige Republikaner sind der Ansicht, Masken seien nur etwas für demokratische Weicheier.

Auch Präsident Trump hat hin und wieder angedeutet, er halte Masken für ein Zeichen der Schwäche. Er weigert sich beharrlich, eine zu tragen, während sein demokratischer Rivale Joe Biden sich oft mit Maske zeigt. In einer Rede in Wilmington in Delaware erinnerte Biden am Dienstag daran, dass Trump in einer früheren Phase der Krise gesagt habe, er sehe sich als Kriegspräsidenten. «Es sieht so aus, als habe unser Kriegspräsident aufgegeben», sagte Biden, «als habe er die weisse Flagge geschwenkt und das Schlachtfeld verlassen.»

Trump hatte darauf gesetzt, dass die Corona-Krise rasch vorüberziehen möge und wegen der wieder anspringenden Wirtschaft auch seine Umfragewerte steigen würden. Diese sind im Moment verheerend. Vor allen Dingen führt Biden in sämtlichen sogenannten Swing States, in denen die Wahlen im November entschieden werden – zum Beispiel in Arizona, das gerade den Preis für die zu schnelle Lockerung der Restriktionen bezahlt.

Steigende Corona-Zahlen haben nicht notwendig etwas mit republikanischen Gouverneuren zu tun.

Auch 2016 lag Trump allerdings in fast allen Umfragen hinter Hillary Clinton zurück und gewann am Ende die Wahl. Darauf verweist er gern. Diesmal sieht es jedoch laut den Erhebungen so aus, als könnte Trump durch sein fehlerhaftes Management der verschiedenen Krisen im Land entscheidende Wählergruppen verloren haben, darunter schwarze Wähler und weisse Frauen aus den Vororten. Das Magazin «Politico» berichtete kürzlich unter Berufung auf Trump-Vertraute, dass dem Präsidenten allmählich schwane, dass er ein Problem habe. Sein Team fährt nun verstärkt Anzeigen, deren Ziel es ist, den 77 Jahre alten Biden als senil darzustellen.

Dass steigende Corona-Zahlen nicht notwendig etwas mit republikanischen Gouverneuren zu tun haben, zeigt sich in Kalifornien. Auch dort hatten der demokratische Gouverneur Gavin Newsom und der ebenfalls demokratische Bürgermeister von Los Angeles, Eric Garcetti, die Restriktionen seit dem letzten Monat schrittweise gelockert. Nachdem sie am 19. Juni den Restaurants und Bars erlaubt hatten, wieder zu öffnen, hofften sie, dass diese Wiederöffnung allmählich vonstatten gehen würde. Laut Angaben der örtlichen Behörden strömten am nächsten Tag jedoch allein in Los Angeles 500’000 Menschen in die Bars.

Am kommenden Samstag steht der 4. Juli an, der Nationalfeiertag. Die meisten Feierlichkeiten sind abgesagt worden, grössere Feste sind verboten. Es ist davon auszugehen, dass sich Hunderttausende Amerikaner nicht an dieses Verbot halten werden.