2019-07-19 12:00

«Eine Hommage an meinen toten Freund»

Lauterbrunnen

Roger Schaeli und Stephan Siegrist gelang die Eröffnung einer neuen Route am Rotbrätt, der markanten 350 Meter hohen Westwand an der Jungfrau. Auf nächstes Jahr entsteht ein Film über das Leben und die Abenteuer der zwei ungleichen Freunde.

Gerade keine Zeit für das prächtige Panorama: Roger Schaeli im Vorstieg in der Rotbrätt-Westwand im Schwierigkeitsgrad 8a+. Unten links ist der Schwarzmönch zu sehen, im Hintergrund die Wengernalp und das Dorf von Wengen. Fotos: Frank Kretschmann

Gerade keine Zeit für das prächtige Panorama: Roger Schaeli im Vorstieg in der Rotbrätt-Westwand im Schwierigkeitsgrad 8a+. Unten links ist der Schwarzmönch zu sehen, im Hintergrund die Wengernalp und das Dorf von Wengen. Fotos: Frank Kretschmann

  • Bruno Petroni

    Bruno Petroni

Auf den ersten Blick sind Stephan Siegrist und Roger Schaeli ein scheinbar ungleiches Team: Da ist der bodenständige Familienvater Siegrist mit Eigenheim in Ringgenberg mit Blick auf den Brienzersee. Und dort ist der Entlebucher Kletternomade Schaeli, immer auf Achse in seinem VW Camper und höchstens mal für Büroarbeiten und eine warme Dusche in seiner kleinen Goldswiler Wohnung anzutreffen. Doch die beiden verbindet die grosse Leidenschaft für schwere Klettertouren.

Nach der Jahrtausendwende teilten sich die beiden während mehrerer Jahre eine Wohnung in Interlaken. Die kleine Wohngemeinschaft wurde weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Die Türe von Siegrist und Schaeli war stets offen, und Bergsteiger und Kletterer aus aller Welt waren ständig zu Gast. Selbst ein Zeitungsartikel ist über die damalige «berühmt berüchtigte» WG erschienen. Siegrist und Schaeli haben zusammen viele schwere Routen geklettert und waren oft gemeinsam auf Expeditionen unterwegs.

Langer Zustieg

Doch dann trennten sich ihre Wege – bis sie sich im Winter 2017 dazu entschlossen, gemeinsam ein altes Projekt wieder in Angriff zu nehmen. Es war Zeit, eine langjährige Vision von Stephan Siegrist und seinem vor zehn Jahren tödlich verunglückten Freund Giovanni Quirici zu verwirklichen – gemeinsam mit Roger Schaeli. Die Idee, in der Westwand des sogenannten Rotbrätt an der Jungfrau eine neue Route klettern.

Stephan Siegrist (l.) und Roger Schaeli jubeln über den Erfolg: Sie eröffneten in der Rotbrätt-Westwand (links) die Route «Silberrücken»

An der 350 Meter hohen Westwand des Rotbrätt existiert zwar seit 20 Jahren im linken Teil der Wand eine Route mit dem Namen «Fätze und Bitze». Sie wurde damals von Res Leibundgut (Spiez) und Christoph Mauerhofer (Thun) eröffnet. Seither gab es am Rotbrätt aber keine Begehungsversuche mehr.

Zum einen liegt dies daran, dass der Zustieg zum Rotbrätt mit seinen 2000 Höhenmetern ab Stechelberg über teils schwieriges Gelände steil und endlos lang ist. Zum anderen ist die Wand selber senkrecht und schwierig, mit mehreren kaum absicherbaren Passagen.

Hommage an toten Freund

Im Sommer 2018 legten Siegrist und Schaeli los. Sie entschieden sich für die steilste Stelle am Rotbrätt, denn nur sie war nach den schneereichen Wintermonaten trocken und frei von Schnee. Der Schwierigkeitsgrad 8a+ wartete auf das Duo.

In der sechsten Seillänge dann auch noch ein sogenanntes Boulderproblem in der Mitte der Passage – schlecht abgesichert und in stark überhängendem Gelände. Während mehrerer Vorstösse konnten sie nach und nach die Route legen und mit Bohrhaken absichern.

Schliesslich gelang Siegrist und Schaeli vor wenigen Tagen die Durchsteigung ihrer neuen Route im Rotpunktstil – das heisst eine Begehung in einem Zug, wobei die Sicherungen nicht belastet werden und sämtliche Zwischensicherungen selber angebracht werden.

Und so standen die beiden schliesslich nach zwei weiteren, einfacheren Seillängen am höchsten Punkt des Rotbrätt. Schaeli: «Das ist eines der grössten Geschenke, das du als Alpinist und Kletterer bekommen kannst. Als erster Mensch durch eine Wand zu klettern, wo es zuvor nur eine Vision gab.

Auf den ersten Blick unmöglich, jedoch mit viel Mut, dem richtigen Team und dem tiefen Willen, es wirklich zu wollen, kann man es schaffen.» Siegrist fügt hinzu: «Es war ein wirklich emotionaler Moment, nach so vielen Jahren wieder zusammen ein längeres Projekt abzuschliessen. Einfach schön. Es weckte auch alte Erinnerungen und ist für mich eine Hommage an meinen toten Tessiner Freund Giovanni.»

Die neue Route an der Westwand des Rotbrätt nennen die erfolgreichen Profialpinisten «Silberrücken» – frei nach Schaelis breitem, muskulösem Rücken und dem zunehmend grauen Kopfhaar von Siegrist.

Der Festivalfilm

Der Nürnberger Kameramann Frank Kretschmann begleitet Stephan Siegrist und Roger Schaeli schon seit vielen Jahren während ihrer Begehungen, so auch Dutzende Male an der Eigernordwand. Die Erstbegehung der Route «Silberrücken» am Rotbrätt hat Kretschmann ebenso festgehalten wie auch das Umfeld und Familienleben der beiden Bergsteiger.

Bis Ende Jahr soll ein etwa 25 Minuten langer Dokumentarfilm über die beiden ungleichen Freunde entstehen. «Ein typischer Festivalfilm halt, der nebst der alpintechnischen Belange auch ein umfassendes Porträt über die beiden enthalten wird», sagt Kretschmann. Geplant ist, den Film in der Festivalsaison 2020 vorzuführen. «Was danach kommt, wissen wir noch nicht. Aber wir freuen uns auf jeden Fall über jede Zusage.»