2018-08-02 10:48

Eckzahn mit reichem Panorama

Die Wanderung auf den Gantrisch führt durch das Grenzgebiet zwischen Voralpen und Alpen. Entsprechend kontrastreich sind die Landschaft und die Aussicht: Sie reicht vom Mittelland bis zu den Alpen.

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  • Andreas Staeger

Der Gantrisch ist von der Bundesstadt aus gesehen der nächstgelegene Zweitausender. 26,8 Kilometer beträgt die Distanz von der Kuppel des Bundeshauses bis zum 2176 Meter hohen Gipfel.

Noch ein paar Dutzend Meter näher läge die Nünenenfluh, doch dort führt kein Weg hinauf, der für Wanderer geeignet wäre. Auch der Gantrisch ist nicht ganz ohne Schwierigkeiten zu haben, doch für geübte Berggänger ist seine Besteigung ein Genuss.

Geologische Karies

Von Bern aus erinnert die Stockhorn-Gantrisch-Kette an eine Reihe von Zähnen. Besonders markant treten die namengebenden Gipfel in Erscheinung: Wie ein Schneidezahn sieht das Stockhorn aus, während der Gantrisch eher an einen Eckzahn erinnert.

Doch dieser Eindruck ­verblasst, je mehr man sich ihm nähert. Schon von der Gurnigel-Wasserscheide aus erweist sich der vermeintlich wohlgeformte Block als höckeriges, von geologischer Karies angenagtes Gebilde.

Während man auf dem Weg zur Gantrischhütte zügig an Höhe gewinnt, beginnt man sich zu fragen, ob es möglich ist, dieses von senkrechten Flühen und wilden Runsen durchzogene Felsenmonstrum ohne Kletterei zu bezwingen.

Es ist möglich. Anhaltend steil zieht sich der Bergweg durch das Tälchen zwischen dem Gantrisch und dem Nachbargipfel Bürglen hoch. Ein erster Höhepunkt ist der Morgetepass: Hier öffnet sich die Sicht nach Süden ins Simmental. Das Panorama reicht von der Niesenkette bis zu den Gipfeln des Saanenlands.

Knackiger Endspurt am Seil

In der Tiefe liegt die Alp Obriste Morgete, wo nach BZ-Redaktorin Laura Fehlmann nun BZ-Redaktor Hans Ulrich Schaad dem Bergsommer frönt. War er es, der den Käse und die Würste in die Kühlbox im Schutzhüttchen auf der Passhöhe hochschleppte? Man lässt sich das Zwischenverpflegungsangebot jedenfalls gerne gefallen, füllt den Rucksack und steckt das Geld ins Kässeli.

Nur noch knapp eine Schuhlänge breit ist der Pfad, der in etwas weniger strenger Steigung zum Schibespitz führt. Weiterhin mässig steil geht es über eine breite Felsrippe zur Südflanke des Gantrischs. Das Aufstiegs­finale ist nochmals tüchtig schweisstreibend. Die letzten 50 Höhenmeter verlaufen durch ein Couloir, das in einem ausgesetzten Hang liegt; hier ist die Strecke mit einem Stahlseil ausgestattet, das Halt und Sicherheit gibt.

Bis zum Mont Blanc

Die Spitze des Eckzahns erweist sich vor Ort als vergleichsweise flache Graskuppe, die einem ermöglicht, die umfassende Rundsicht ausgiebig zu geniessen. Bei klarer Sicht ist das Panorama total: Über den Jura hinweg sieht man bis zu Vogesen und Schwarzwald; Eiger, Mönch und Jungfrau sowie die Blümlisalp beherrschen den Kranz der Hochalpengipfel; weit im Süden sind sogar der Mont Blanc und die Dents du Midi auszumachen.

Der Abstieg führt zunächst auf gleichem Weg zurück Richtung Schibespitz. Bei der signalisierten Wegverzweigung in einem kleinen Felssattel hält man ostwärts. In mehrheitlich sanftem Abstieg geht es hinüber zum Leiterepass, wo sich erneut die Sicht Richtung Norden öffnet.

Auf dem gut ausgebauten westlichsten Teilstück des Stockhorn-Höhenwegs gelangt man über Alpweiden zur Alphütte Obernünenen und von da auf einem Kiessträsschen zurück zum Ausgangspunkt, der Postautohaltestelle Gurnigel Wasserscheide.

Berner Zeitung