2019-08-13 10:30

«Wenn dir etwas fehlt, kannst du es nicht einfach im Lädeli besorgen»

Angetroffen

Während andere auf dem Bödeli in der Hitze schmoren, melkt Karin Woodtli auf der Alp Alpiglen 800 Höhenmeter über Iseltwald zweimal täglich 129 Ziegen.

Verbringt den Sommer auf der Alp: Karin Woodtli.

Verbringt den Sommer auf der Alp: Karin Woodtli.

(Bild: Bruno Petroni)

  • Bruno Petroni

    Bruno Petroni

Zweimal täglich während zweieinhalb Stunden 129 Ziegen zu melken, tönt nach viel Arbeit. Ist es auch. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb liebt Karin Woodtli ihr Älplerinnenleben auf der Alp Alpiglen 800 Höhenmeter über Iseltwald, mit einzigartiger Sicht auf die gegenüberliegende Seite des Brienzersees.

Schattig und kühl ist es hier. «Während der zwei Hitzeperioden dieses Sommers war ich ausgesprochen wohl da oben, während die Leute da unten im Bödeli in der Hitze schmorten», sagt Woodtli, während sie sich die weisse Gummischürze umbindet: Das tägliche Waschen der Käselaibe im Speicher wartet – der Raum ist nur über eine Aluleiter erreichbar.

Die 45-jährige Laborantin und Aktivierungstherapeutin aus dem emmentalischen Affoltern hat hier oben auf Alpiglen den viermonatigen Sommerjob gefunden, den sie gesucht hat. Ein Leben fernab von Rummel und Asphaltstrassen.

«Wenn dir hier oben etwas fehlt, kannst du es nicht einfach um die Ecke im Lädeli besorgen gehen.» Das bescheidene und zuweilen anstrengende Leben als Älplerin ist sich Karin Woodtli längst gewohnt, hat sie doch bereits 13-mal den Sommer auf der Alp verbracht – die letzten fünf Jahre im Calancatal.

Eine Wochenhälfte verbringt Karin Woodtli zusammen mit ihrem Australischen Hirtenhund Tuhani jeweils im Oberberg (1886 m), wo sich die insgesamt 149 Geissen von 18 verschiedenen Landwirten aufhalten. Hier melkt sie die Tiere. Deren Milch wird mit der Materialbahn zur 500 Meter tiefer gelegenen Alp Alpiglen geführt, wo sie von Kollege Stefan Brülhard zu Käse verarbeitet wird.

So entstehen jeden Tag 15 Kilo Mutschli oder Alpkäse. Die zweite Wochenhälfte tauschen die beiden ihre Arbeitsorte. «So sitzt jeder von uns immer auf seinem eigenen Berg», spasst Woodtli. Oft sieht sie Brülhard nur gerade beim Kreuzen auf dem steilen Bergweg zum Oberberg kurz.

Die Geissen fühlen sich in den fast senkrechten, mit dichten Büschen bewachsenen Nordhängen unter der Rotenfluh so richtig wohl. «Steil ist geil» heisst ihr Motto. Alpiglen ist bei Ziegenbesitzern ein äusserst beliebter Sömmerungsort, «weil es die einzige pseudofreie Alp ist, also frei von der Ziegenkrankheit», sagt Woodtli.

«Das Gefährlichste hier oben ist der Steinschlag – nicht nur für die Geissen.» Noch einen Monat, dann ist Schluss für heuer auf Alpiglen. Bis zum nächsten Frühsommer...