2019-07-15 23:22

Sorgen um das Wachstum in China

Das Wirtschaftswachstum in China stockt. Beobachter führen dies auf den Konflikt mit den USA zurück.

Ein US-Tesla in Peking: China ist für viele Länder der wichtigste Exportmarkt. Foto: Getty Images

Ein US-Tesla in Peking: China ist für viele Länder der wichtigste Exportmarkt. Foto: Getty Images

Die Wirtschaft Chinas ist mit 6,2 Prozent im zweiten Quartal im Vergleich zum gleichen Vorjahresquartal so wenig gewachsen wie noch nie, seit solche Erhebungen im Jahr 1992 erstmals durchgeführt wurden. Das hat das chinesische Statistikamt am Montag vermeldet.

Als wichtigster Grund dafür wurde der verschärfte Handelskrieg des Landes mit den USA ­genannt. Trotz eines am G-20-­Gipfel beschlossenen «Waffenstillstands» der beiden Länder lasten seit Mai Zollaufschläge von 25 Prozent auf den Exporten Chinas in die USA im Wert von 250 Milliarden Dollar. Gemäss der chinesischen Statistikbehörde sind im Juni die ­Exporte um 1,3 Prozent und die Importe um 7,3 Prozent zurückgegangen.

Schadenfreude bei Trump

US-Präsident Donald Trump reagierte auf die Daten aus China mit Schadenfreude: «Die Zoll­aufschläge der USA hatten einen grossen Effekt auf die Unternehmen, die China verlassen und in Länder mit tieferen Zöllen ziehen wollen. Tausende ziehen jetzt weg», schrieb der US-Präsident und er ergänzte, die Chinesen würden nun bereuen, dass sie nicht schon früher auf die ­Bedingungen der USA eingegangen seien.

Die neuen Daten zum Wachstum in China beunruhigen die Chinesen selbst weniger als internationale Beobachter, die ein leicht höheres Wachstum von 6,3 Prozent erwartet haben.

Die Börsen in China und in Asien haben trotz der Meldung leicht zugelegt. Die Entwicklung liegt überdies noch immer im Zielbereich der chinesischen Regierung, die für das Gesamtjahr ein Wachstum von zwischen 6 und 6,5 Prozent anstrebt. Die grosse internationale Besorgnis zu Chinas Wirtschaftszahlen erklärt sich durch die grosse Bedeutung der zweitgrössten Volkswirtschaft für die gesamte Weltwirtschaft. Einer Krise in China könnte sich kaum ein Land entziehen. Wie eine Studie der ­Credit Suisse vom März zeigt, verdankt sich rund ein Viertel des globalen Wirtschaftswachstums der letzten zwanzig Jahre der Entwicklung in China.

Im Jahr 2017 war China für knapp 16 Prozent aller Länder der wichtigste Absatzmarkt. Noch im Jahr 2000 galt das nur für 3 Prozent aller Staaten.

Eine sehr hohe Bedeutung hat China auch für die Schweizer Wirtschaft. Das Land ist nach der EU und den USA unser drittgrösster Handelspartner. Allerdings liegt der Anteil von China beim Güterhandel nur bei rund 5 Prozent. Die Zahl unterschätzt allerdings die wahre Bedeutung von China für die Schweiz angesichts der globalen Wertschöpfungsketten. Leidet die chinesische Wirtschaft, betrifft das auch Schweizer Unternehmen, die Vor­produkte in die EU an Firmen liefern, die sie wiederum für ihre Exporte nach China verwenden. Wie die erwähnte Studie der Credit Suisse zeigt, werden zum Beispiel 20 Prozent jener Schweizer Exporte nach Deutschland, die eine Wertschöpfung generieren, von dort weiterexportiert – zu einem grossen Teil nach China.

Wenig glaubwürdige Raten

Wachstumsraten wie zuvor sind in China ohnehin nicht mehr zu erwarten. Das würde sich auch nicht mit den Plänen der Regierung vertragen, die Wirtschaft auf eine nachhaltige Basis zu stellen. Ihr Ziel ist es, den Anteil des Konsums an der Gesamtwirtschaft deutlich zu erhöhen. Er macht nur gerade rund 40 Prozent aus. Das erklärt auch die nach wie vor grosse Bedeutung der Exporte für die chinesische Wirtschaft. Dass gemäss den neuen Daten die Konsumausgaben zugenommen haben – unter andere durch vermehrte Autoverkäufe – ist deshalb zumindest ein Lichtblick.

Hauptsächlich getrieben wird das Wachstum noch immer von Investitionen in nach wirtschaftlichen Massstäben nicht überlebensfähige Firmen, sogenannte Zombiefirmen – und von unproduktiven weiteren Investitionen in die Infrastruktur. Das war auch im zweiten Quartal 2019 wieder der Fall. Der Effekt dieser Investitionen ist vor allem eine dramatisch steigende inländische Verschuldung. Laut einem Bericht des «Wall Street Journal» beläuft sie sich bereits auf 247 Prozent, gemessen am chinesischen Bruttoinlandprodukt.

Wie der in der chinesischen Hauptstadt Peking lehrende US-Ökonom Michael Pettis betont, kann China dank unprodukti­ven Investitionen jedes beliebige Wachstum erreichen. Lasse man sie aber ausser Betracht und berechne das Wachstum korrekt, sei dieses nur rund halb so gross, wie es die kommunistische Regierung ausweise.