2019-07-19 16:25

Stiller Tod einer Berner Boxlegende

Bern

Der Bümplizer Enrico Scacchia, tief gefallener Boxstar der 80er-Jahre, ist 56-jährig an Krebs gestorben.

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Sie kommen noch einmal, jetzt zu seinem Tod, die schwarzweissen Bilder, die Enrico Scacchia zeigen, wie er immer sein wollte. Die Boxerhosen glänzen, aus dem dichten Haar tropft Schweiss auf die mächtige Brust, die muskelbepackten, von dicken Adern durchzogenen Arme lauern in Schlagbereitschaft. Und aus den dunklen Augen schiesst ein Blick. Hellwach, zornig, wild.

Heute kuratieren und kontrollieren Spitzensportlerinnen und -sportler ihr Image in den sozialen Medien bis hin zum dezidierten Blick. Der in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsene Italo-Bümplizer Enrico Scacchia tat genau das Gegenteil. Er boxte voller Risiko und lieferte sich der Öffentlichkeit aus – das machte ihn zur hofierten, aber auch verletzlichen Figur.

«Er hatte es im Blut»

Im Bern der 1980er-Jahre, das politisch und gesellschaftlich gerade aus den mentalen Starre des Kalten Kriegs erwachte, wurde der schrille, zu allem entschlossene Scacchia über die Boxszene hinaus zum Promi, dessen Leutseligkeit etwa in den neugegründeten Lokalradios dankbar aufgenommen wurde.

Er verstand sich, in Anlehnung an die Sylvester-Stallone-Filme, als Berner Rocky-Version. Seine Familie hält sich auch bei der Todesnachricht an diesen Kult: Enrico «Rocky» Scacchia sei in der Nacht auf Freitag im Tiefenauspital friedlich eingeschlafen, teilte sie per E-Mail mit. Er litt an Leukämie und Lymphdrüsenkrebs.

Als Boxer ist Scacchia hochbegabt. Elfjährig tritt er in die Berner Boxschule des legendären, heute in Frankreich lebenden Trainers Charly Bühler ein. «Ich sah sofort, dass aus Scacchia ein guter Boxer werden könnte», erinnert sich Bühler am Telefon, «er bewegte sich so geschmeidig, er hatte es im Blut.»

Und ja, Scacchia sei nicht nur eloquent gewesen, sondern habe vor allem sehr gut ausgesehen und die Frauen begeistert. Dieser Mix habe seinen Aufstieg unterstützt. «Plötzlich wollten ihn alle», sagt Bühler. Scacchia verliess seinen Trainer Richtung Genf, «ohne sich zu bedanken». Als Scacchia später zurückkommen wollte, «hatte ich kein Interesse mehr», sagt Bühler.

Inspiriert hat den jungen Scacchia die Geschichte von Muhammad Ali, der sich auf die Sonnenseite des Lebens geboxt hatte. Scacchia strebt das von Bümpliz aus an - und kommt dem Traum sehr nahe. Er trainiert besessen, befeuert sich mit Amphetaminen. 1985 und 1987 boxt er als Profi um den Europameistertitel im Halbschwergewicht.

Scacchia verliert beide Kämpfe, aber nicht den Glauben, es zu schaffen. Obschon sein Leben dramatisch in Brüche geht. 1992 verweigert ihm der Boxverband die Verlängerung seiner Boxlizenz, ein Berner Neurologe hat eine fortschreitende Hirnschädigung diagnostiziert, die bei Boxern häufig vorkommt. Offensiv-Boxer Scacchia hatte viele Schläge eingesteckt. Verzweifelt kämpft er darum, wieder boxen zu dürfen, scheitert aber vor Gericht.

Unerlöschte Leidenschaft

Mit seiner Frau und Mutter seiner beiden Kinder liefert er sich einen jahrelangen Kleinkrieg. Als die Behörden ihm das Besuchsrecht einschränken, richtet er seinen Furor gegen Amtspersonen. Scacchia sucht Ursula Begert, damals Stadtberner Sozialdirektorin, auf ihrem Bauernhof in Oberbottigen auf und bedroht sie.

Die damalige Berner Regierungsstatthalterin Regula Mader verordnet Scacchia einen Aufenthalt in der Psychiatrischen Klinik Waldau. Darauf beginnt er, Mader in Briefen zu beleidigen, so dass ihn die Regierungsstatthalterin anzeigt. Es folgen bizarre Auftritte vor Gericht. Scacchia wird 2009 in zwei Verfahren zu Bussen verurteilt, die er an die nächste Instanz weiterzieht. Und dort verliert.

Der Rückzug des früheren Medienstars aus der Öffentlichkeit ist ein Tragödie. Im Berufsleben fasst er nie Fuss, einen Job als Taxifahrer hat er nur vorübergehend. Er lebt von einer IV-Rente in einer bescheidenen Kleinstwohnung, die Bibel ist seine wichtigste Lebenshilfe. Materiell verliert er praktisch alles. Was Scacchia aber nie aufgibt: seine Leidenschaftlichkeit.