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Essen gestrichenWarum Novartis mit Ärzten nicht mehr ins Restaurant darf

Der Pharmakonzern bekommt in den USA strenge Auflagen für Treffen und soll Restaurants meiden. In der Schweiz allerdings nicht.

Für Ärzte wird der Tisch nicht mehr gedeckt: In den USA sind Restauranteinladungen von Novartis zu vermeiden.
Für Ärzte wird der Tisch nicht mehr gedeckt: In den USA sind Restauranteinladungen von Novartis zu vermeiden.
Foto: Thomas Burla

In Zukunft darf Novartis mit Ärzten in den USA nicht mehr essen gehen. «Restaurants sollen nicht mehr für Treffen genutzt werden», teilte der Konzern mit. Darauf musste sich Novartis in den USA im Rahmen eines Rechtsvergleichs festnageln lassen. Um dem Ruch der Bestechung zu entgehen, solle der fachliche Austausch mit den Ärzten künftig in erster Linie per Internet laufen, wie das wegen der Coronakrise im Moment meist ohnehin der Fall ist.

Tausende von Einladungen an Ärzte in Luxusrestaurants zwischen 2002 und 2011 waren für Novartis teurer als geplant: Mehr als 678 Millionen Dollar muss der Pharmakonzern nun für seine Treffen mit Ärzten in den USA zahlen. Diese Summe kostet der US-Vergleich, der einen jahrelangen Rechtsstreit wegen Bestechungsvorwürfen beilegt. Bei Medikamenten wie bestimmten Blutdrucksenkern, Antidepressiva oder Diabetes-Mitteln spielt das Marketing eine grosse Rolle, und Novartis soll so versucht haben, Ärzte zum Verschreiben seiner Produkte gebracht zu haben.

«Vergehen der Vergangenheit abgegolten»

Zusätzlich 51,25 Millionen Dollar beträgt die Vergleichssumme, die Novartis wegen unerlaubter Unterstützung von Charity-Organisationen zahlen muss. «Endlich dürften nun weltweit alle Vergehen in der Vergangenheit zu Daniel Vasellas und Joe Jimenez’ Zeiten abgegolten sein», kommentiert Pharmaexperte Michael Nawrath von der Zürcher Kantonalbank.

In der Schweiz sind Essen mit Ärzten generell weiter möglich, jedenfalls im Rahmen von Fachgesprächen. Bis zu einem Betrag von 100 Franken pro Person bedarf es keiner schriftlichen Regelung, so die Heilmittelverordnung. Darüber hinaus dann schon. Dies gilt nicht nur für Novartis, sondern für alle Pharmaunternehmen. In der Selbstregulierung ist aktuell noch ein Höchstbetrag von 150 Franken vorgesehen. Ab kommendem Jahr dürfen es laut neuem Pharmakodex nur noch höchstens 100 Franken sein. «Einladen dürfen Pharmafirmen Ärzte nur, wenn es um einen fachlichen Austausch geht, das heisst, ein Weihnachtsessen ist nicht erlaubt», sagt Jürg Granwehr. Er ist beim Verband Scienceindustries für den Kodex zuständig.

«Ein Weihnachtsessen mit Ärzten ist nicht erlaubt.»

Jürg Granwehr, Verband Scienceindustries

Bei Novartis hat die Bedeutung von Geschäftsessen in den letzten Jahren abgenommen, so ein Konzernsprecher. «Grundsätzlich geht der Trend klar in Richtung digitaler Interaktion», sagt er.

Ab 2021 wird der Schweizer Pharmakodex auch Spenden an Ärzte explizit ausschliessen, was laut Granwehr auch heute schon keine Praxis ist. Ausgenommen von dieser Regel sind nur die Unterstützung für die Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen wie Kongressen.

Für die USA hat sich Novartis in dem jetzt abgeschlossenen Vergleich darauf festgelegt, Ärzte auch möglichst nicht mehr für das Halten von Vorträgen zu bezahlen. Ganz will Novartis das aber nicht ausschliessen, es soll nach Möglichkeit deutlich reduziert werden.

Transparenz mit Haken

Erst letzte Woche hat Novartis veröffentlicht, wie viel der Konzern in der Schweiz an Ärzte und Organisationen 2019 gezahlt hat. Die Swiss Society of Pharmacology and Toxicology in Basel zum Beispiel hat 5054.35 Franken für einen Sponsoringvertrag und 2080 Franken an Spenden erhalten. Die Zürcher Ärztin Katharina Eriksson-Durrer bekam 373.30 Franken für Reise und Hotel zu einem Kongres sowie 186.70 Franken für Tagungsgebühren von Novartis.

In dem im Internet aufgeschalteten Bericht von Novartis, kann jeder nachlesen, wie viel Geld ein bestimmter Arzt erhalten hat. Damit soll Transparenz geschaffen werden, um Bestechungsvorwürfen vorzubeugen. Der Haken daran ist jedoch: Die Ärzte müssen der Publikation wegen Datenschutzgründen zustimmen. Eine Garantie, dass auch wirklich alle Geldflüsse offengelegt sind, gibt es also nicht. Und: Die Einladungen zu Restaurantessen müssen gar nicht publiziert werden.